Geschichte der Hospitalkirche
Erstmals 1262 erwähnt, diente das Hospital zum Heiligen Geist der Beherbergung von durchreisenden Pilgern, Bettlern und Kranken. Daraus entwickelten sich Krankenhaus und Altersheim. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Hospitalgebäude zerstört. Ein mittelalterliches Hospital war undenkbar ohne eigenes Gotteshaus. Die Wetzlarer Spitalkapelle war im Laufe der Jahrhunderte allerdings so baufällig geworden, dass sie abgerissen werden musste. 1755 erfolgte die Grundsteinlegung für eine neue Hospitalkirche, deren Einweihung 1764 stattfand. Wurde bis dahin der evangelische Gottesdienst in mittelalterlichen gotischen Kirchen gehalten, so erhielten die Gläubigen nun erstmals ein als evangelischer Predigtbau konzipiertes Gotteshaus. Der längsgerichtete Raum wirkt dank großer Fensterflächen lichtdurchflutet. Ringsum verlaufen Emporen, von übereinander angeordneten Säulen und Korbbögen getragen. Eine dritte Säulenreihe wurde als Scheinarchitektur auf die seitliche Wölbung der Decke gemalt. „Schein“ ist auch die reichliche Verwendung von Marmor, denn er ist lediglich auf Holzsäulen und hölzerne Brüstungsfelder aufgemalt. Die Spiegeldecke im Kirchenraum wird von zwei Gemälden des heimischen Malers G.F.Repp geschmückt, die Decke im Altarraum ziert eine plastische silberne Taube vor einem vergoldeten Strahlenkranz, von Bildhauer Hochstader aus Limburg geschaffen.
Altar, Kanzel und Orgel bilden eine Einheit. Die Kanzel ist mit Reliefs der Evangelisten und des Erlösers der Welt geschmückt, die Kanzeltür mit einem Gemälde des auferstehenden Heilandes. Die über Altar und Kanzel angeordnete Orgel musste 1931 durch ein neues Instrument ersetzt werden. Die Mitte ziert, typisch für das Rokoko, der Kopf eines Putto, rechts und links erheben sich geschnitzte Engelsfiguren mit Fanfaren in den Händen. Der ganze Altarbezirk erhielt eine besonders kostbare Ausstattung. Dies sollte insbesondere den Wünschen der vornehmen Kirchenbesucher aus dem Umkreis des Reichskammergerichts entsprechen. Für sie waren auf beiden Seiten der Kanzel eigens Logen eingerichtet worden. Das Kirchenschiff war der Wetzlarer Bevölkerung und dem Stadtrat vorbehalten, dessen Sitze sich durch einen grünen Stoffüberzug von den übrigen unterschieden. Das Kircheninnere wurde im Lauf der Zeit mehrmals dem jeweiligen Geschmack entsprechend verändert. Eine vorläufige letzte Renovierung fand an Pfingsten 1995 ihr Ende.
(Dr. Irene Jung, in: Almanach zum Bachfest Wetzlar 2011, Text gekürzt)